Industrie 4.0: Vernetzung braucht Öffnung, Öffnung braucht Identität

Die Entwicklung der technischen Möglichkeiten einerseits und die tradierten Organisationskulturen andererseits, so scheint es, driften auseinander. Auch die Diskussionen über die 4. Industrielle Revolution findet auf allen möglichen Plattformen statt, und oft fehlen dabei wichtige Diskussionspartner, die für den Kontext von Technologie, Gesellschaft, Menschen und Organisationen stehen. Damit es gemeinsam zu guten Lösungen kommt.

It's OWL

Und so waren wir mit unserer Forschungsgruppe Lab64 wieder in Gesprächen unterwegs. Mit Vertretern aus Wissenschaft, Politik und Region. Getagt wurde im CIIT, dem Science-to-Business-Center für industrielle Automation. Das CIIT ist eine in seiner Art führende Einrichtung in Lemgo, in Ostwestfalen-Lippe (OWL).

 

Ausgehend von den technischen Möglichkeiten von Industrie 4.0 entspann sich die Diskussion. Wie wird die 4. Industrielle Revolution die Entwicklung von Gesellschaft, Menschen und Organisationen berühren? Was bedeutet sie für Bildung und Akzeptanz, Arbeitszeitmodelle und Lebensgestaltung, Transformation von Unternehmen und Branchen, Zusammenarbeit und Vernetzung?

 

Wie schon bei anderen Gelegenheiten haben wir die Teilnehmer aus der Region sehr engagiert und innovativ erlebt, mit viel unternehmensübergreifende Initiativer und guter Kooperation zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. „It’s OWL“. Stolz wird spürbar, eine regionale Verbundenheit und Identität. Und die macht etwas aus, was die Beteiligten zusammenbringt und sich öffnen lässt.

vernetzEN STATT EINFRIEREN

Und das ist mein Punkt: Wenn ein Kernelement von 4.0 „intelligente Vernetzung“ heißt, was braucht es dafür in Organisationen und organisationsübergreifend? Und weitergehend: Wie schaffen wir Vernetzung, und wie machen wir Vernetzung produktiv? Wir sprechen dann von Zusammenarbeit.


Das bringt mich wieder zu der Unterscheidung zwischen „scharfen Grenzen“ und „starkem Kern“. Das eine ist Vergangenheit, das andere Zukunft. Scharfe Grenzen realisieren sich in Separierung und „Abteilung“, Mauern und „Silos“, hierarchischen Positionen, Meins und Deins, Oben und Unten, Taylorismus. Solche Strukturdenke ist von den Menschen seit Jahrhunderten eingeübt. Je perfektionierter sie umgesetzt wird, z.B. auch in Stellenbeschreibungen und Zielvereinbarungen, zu desto mehr Starre führt sie.


Das heißt in unserer schnellen Zeit häufige Anpassung, wir versuchen von einem Zustand A zu einem neuen Zustand B zu kommen. „Unfreeze – change – freeze“. So heißt das Lewin'sche Modell seit Mitte des letzten Jahrhunderts. Das gelingt aber immer weniger. Organisationen und Veränderungen werden nicht mehr fertig. Solche Strukturen bieten uns deshalb heute allenfalls noch scheinbaren Halt. Unbehagen kommt auf: „Alles wird so grenzenlos.“

Starker Kern statt scharfe Grenzen

Müssen wir umdenken und den neuen Halt in einem starken Kern finden? Ich denke ja. Starker Kern heißt überzeugende Identität, Sinn,

Bindungskraft, Zugehörigkeit, Vertrauen, gemeinsames Gelingen, Perspektive, Stolz. Ein starker Kern ist eine Voraussetzung für ein selbstbewusstes Wir. Und das braucht es, um sich der Vernetzung in der Organisation und in der Welt zu öffnen, kooperationsfreudig und -fähig zu werden, und zwar ohne verloren zu gehen oder gar beliebig zu erscheinen. Wir wollen in der Zusammenarbeit auch wissen, mit wem wir es zu tun haben.


Um den starken Kern müssen wir uns allerdings engagiert und leidenschaftlich kümmern. Uns der Entfremdung von Arbeit entgegenstellen, wenn die Argumentation von Unternehmenslenkern oft nur noch der Finanzmarktlogik und Zielerfüllung folgt, wenn den Menschen Sinn, Vertrauen und Inspiration für gute Zusammenarbeit und gemeinsames Gelingen verloren gehen.


Das ist nicht leicht, wie wir auch in aktuellen globalen Entwicklungen derzeit sehen. Und an denen wir auch erkennen, dass Abschottung auf

Dauer nicht haltbar sind. Oder zu ungeheuren Kosten. Es geht um das gemeinsame, grenzüberschreitende Gelingen. Und das braucht eine offene, unverstellte Haltung zu Zusammenarbeit. Industrie 4.0 ist deshalb nicht nur ein technisches Thema, sondern eine wunderbare Gelegenheit für einen Aufbruch. Wir müssen nur anfangen. Das fällt vielen Unternehmen noch schwer.

Lasst uns anfangen

Anfangen. Ganz einfach so. Kleine Schritte sind besser als keine Schritte. Wir müssen lernen, nicht zu verharren, sondern mit unseren Organisationen auf Reisen zu gehen. Auch wenn wir am Anfang nicht wissen, was herauskommt. Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Aber wir müssen gemeinsam und vertrauensvoll losgehen. Allerdings ist nicht der Weg das Ziel, sondern dass etwas Gutes herauskommt.

 

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